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„Denn sie wissen nicht was sie tun“: Pornselfies auf Smartphones und in Chatgruppen sind unter Jugendlichen weit verbreitet

Symbolbild: Junge Frau am Smartphone
Symbolbild: Junge Frau am Smartphone


BAYERN. Die Kriminologische Forschungsgruppe (KFG) im Bayerischen Landeskriminalamt veröffentlicht den aktuellen Jahresbericht Kriminalität und Viktimisierung junger Menschen in Bayern 2019“. Ein Schwerpunkt des diesjährigen Berichtes liegt auf dem Sonderteil „Verbreitung von Pornografie unter Jugendlichen – eine Analyse polizeilicher Sachverhalte“, der eine Vollerhebung aller geklärten Fälle in 2019 miteinbezieht.
Daneben wird auf Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) die Entwicklung der Kriminalität und Viktimisierung junger Menschen in Bayern im Zehn-Jahres-Vergleich dargestellt.

Heutzutage kann man im Prinzip überall und jederzeit Pornografie umsonst und ohne größere Zugangsschranken konsumieren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass mit besseren digitalen Möglichkeiten wie Smartphones die Pornografie bei jungen Menschen verstärkt Verbreitung findet. Für 2019 weist die PKS gegenüber dem Vorjahr bayernweit eine erhebliche Steigerung der Fallzahlen beim Straftatbestand „Verbreitung pornografischer Schriften“ auf (+54,7 %). Die Entwicklung ist vor allem auf
die gestiegenen Fallzahlen bei der Verbreitung von Kinderpornografie unter den Jugendlichen zurückzuführen. Neben Umfang und Struktur der 14- bis 17-jährigen Tatverdächtigen, stehen pornografische Inhalte und Umstände der Verbreitung im Blickpunkt der vorliegenden Hellfeld-Analyse.

Michael Laumer (KFG), der das Phänomen näher untersucht, stellt fest, dass unter den Jugendlichen die männlichen und deutschen 14- bis 15-jährigen Tatverdächtigen hervorzuheben sind, die größtenteils die Mittelschule besuchen und mit ihren Smartphones pornografische Abbildungen abspeichern und häufig in Chatgruppen verbreiten. Die inkriminierten Dateien beinhalten hauptsächlich kinderpornografische Abbildungen, die sich im Schwerpunkt auf selbst gefertigte Nacktaufnahmen und Masturbationshandlungen konzentrieren. Diese sogenannten Pornselfies werden zum Problem, wenn die überwiegend 13- bis 15-jährigen Mädchen ihre Selbstaufnahmen zunächst mehr oder weniger freiwillig an ihren männlichen Partner versenden und er diese Abbildungen häufig nach Beziehungsende oder zur Bloßstellung der Betroffenen ohne deren Wissen an Dritte weiterleitet. Gleichsam belastend für die überwiegend weiblichen Betroffenen ist es, wenn die Nacktaufnahmen oder die Sexszenen vom männlichen Partner heimlich aufgenommen werden, die er anschließend in seiner Chatgruppe postet.

Der größte Anteil der Straftaten im Zusammenhang mit der Verbreitung von Pornografie unter Jugendlichen wird im Rahmen von Großverfahren oder anderweitigen polizeilichen Ermittlungsverfahren aufgedeckt. Weniger häufig erfolgt die Anzeigenerstattung durch die Betroffenen selbst, sei es aus Gründen des Schamgefühls oder der Angst, sich gegenüber den Eltern und der Polizei zu offenbaren. Aber auch Schuldgefühle dürften hierbei eine nicht unerhebliche Rolle spielen, da die Betroffenen die Nacktaufnahmen überwiegend selbst gefertigt und versendet haben. Zur allgemeinen Entwicklung der Kriminalität durch junge Menschen in Bayern lässt sich zunächst festhalten, dass im Jahr 2019 in Bayern 21,0 % junge Tatverdächtige registriert sind. Wie in den Jahren zuvor ist damit etwa jede/r fünfte Tatverdächtige ein Kind, Jugendliche/r oder Heranwachsende/r. Die Heranwachsenden (18- bis 20-Jährige)
weisen seit 2011 durchgängig höhere Tatverdächtigenzahlen auf als die Jugendlichen (14- bis 17-Jährige). Bei Kindern (8- bis 13-Jährige) ist diese Zahl am niedrigsten.

Die Tatverdächtigenzahlen der Heranwachsenden (-13,9 %) und insbesondere der Jugendlichen (-24,9 %) haben von 2010 bis 2019 relativ konstant abgenommen. Bei den Kindern ist von 2010 bis 2015 ein deutlicher Rückgang von -46,0 % zu verzeichnen, wobei es in den darauffolgenden vier Jahren zu einer insgesamt deutlichen Zunahme kommt (+20,0 %).
Der Anteil junger Menschen an allen Opfern beträgt im Jahr 2019 in Bayern 24,0 %. Damit ist etwa jedes vierte Opfer einer Straftat zwischen 0 und 20 Jahre alt. Zudem zeigt sich im Langzeitverlauf, dass junge Menschen im Jahr 2019 weitaus seltener viktimisiert werden als 2010. Die Heranwachsenden weisen ein quantitativ höheres Opferrisiko auf
als die jüngeren Altersgruppen, jedoch steigt die Zahl der kindlichen Opfer von 2015 bis 2019 um +12,4 %.
Bei der Gewaltkriminalität liegen die Tatverdächtigenzahlen 2019 weit unter denen des Jahres 2010 (-25,1 %). In dieser Deliktsgruppe erscheint die Zuwanderung als Einflussfaktor: Von 2015 auf 2016 steigen die Tatverdächtigenzahlen kurzfristig deutlich um +14,0 % an. Während sich der Abwärtstrend der zurückliegenden Jahre ab 2017 bei den Heranwachsenden konstant fortsetzt, weisen die Jugendlichen von 2018 auf 2019 eine Steigerung von +8,5 % auf. Bei den Kindern, die gegenüber den anderen Altersgruppen stark unterrepräsentiert sind, steigen die Werte ab 2015 stetig an. Für 2019 lässt sich feststellen, dass die Tatverdächtigenzahlen der Kinder im Vergleich zum
Vorjahr um +4,6 % gestiegen sind.

Bei der Auswertung der Fallzahlen mit „Tatort Schule“ zeigt sich, dass nach einem anhaltenden Abwärtstrend die Fallzahlen nach 2015 tendenziell leicht ansteigen. Von 2018 auf 2019 lässt sich eine Zunahme von +4,7 % feststellen.

Bericht: Bayerisches Landeskriminalamt

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